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DIE SACHE MIT DEN "GURUS"
Unterschiede und Gemeinsamkeiten neuzeitlicher "Pferdeflüsterer"

Bis zur Erfindung und Verbreitung des Autos waren viele Jahrhunderte lang die Pferde das Fortbewegungsmittel Nummer Eins. Es gab daher sehr viele und viele Menschen waren daher auch mit ihrem Umgang vertraut. Ohne Zweifel gab es auch damals gute und schlechte Pferdeausbilder und "Pferdeflüsterer" (der Begriff stammt lt. Peter Spohr - Die Logik in der Reitkunst, Olms 1998 - vom Anfang des 19. Jh.) waren beileibe keine "Waserln" sondern geschickte "Dompteure", die ihre Tricks gut verkaufen konnten aber möglichst nicht Preis gaben.

Nachdem sich die Aufgabe der Pferde vom Zug-, Arbeits- und Militärpferd zum Sport- und Freizeitpartner gewandelt hatte nahm einerseits das Wissen um den richtigen Umgang mit Pferden ab (der  Reitunterricht beginnt heutzutage leider meist mit dem Aufsitzen auf das fertig gesattelte Pferd), andererseits stieg das Bedürfnis, mit dem Partner Pferd besser zu kommunizieren. So fiel das erste Buch, die erste Methode, die einen neuen Umgang mit dem Pferd propagierte, auf fruchtbaren Boden.

Linda Tellington-Jones erfand die TEAM-Methode (heute TTEAM =Tellington Touch Equine Awareness Method), die einerseits durch die sogenannte "Körperarbeit" (ungewohnte Berührungen des Pferdes, die neue Nervenbahnen aktivieren sollen), andererseits durch Bodenarbeit über verschiedene Hindernisse für Mensch und Pferd eine neue Kommunikationsbasis schaffen sollte. Der Nutzen dieser Arbeit ist sowohl für das Freizeitpferd als auch für den Olympiacrack erwiesen. (Merke: Mit Führkette und Gerte fordert der Mensch Respekt, mit angenehmen Berührungen schafft er Vertrauen). Das "Zeitalter der Pferdegurus" war also eingeläutet.

Einige Jahre später erschien ein Buch, das sofort ziemlich viel Aufsehen erregte: "Mit Pferden tanzen" von K.-F. Hempfling. Waren die einen fasziniert von der Möglichkeit, ein Pferd mit Körpersprache zu lenken, lehnten die anderen den Berufsjournalisten, der - so die Kritiker - erst seit kurzem mit Pferden zu tun hatte und daher nicht qualifiziert sei, klassische Methoden in Frage zu stellen, ab. Wie auch schon Linda Tellington-Johnes betont Hempfling die Bedeutung des Führens des Pferdes vom Boden aus als ersten und sehr wichtigen Schritt in der Mensch-Pferd Beziehung. Ausgehend vom Herdenverhalten des Pferdes definiert er Sinn und Wirkung verschiedener Führpositionen (vor, neben, hinter dem Pferd) und beschreibt die Arbeit im Picadero (ein ca. 11 x 11 m² großer Raum) mit und  ohne Führleine. In weiterer Folge spannt er eine Brücke von der Körperhaltung und Zeichengebung des Menschen am Boden zum Verhalten im Sattel (z. B. Becken kippen bei  Übergängen abwärts). Auch durcht dieses Buch ziehen sich die 2 Begriffe Dominanz ~ Respekt einerseits und Vertrauen andererseits.

Schließlich witterten auch amerikanische Pferdetrainer den Kuchen und einer der ersten, die  mit einem "alternativen Trainingssystem" in Buchform aufwartete war Pat Parelli. Sein "Natural Horse-man-ship" ist wieder ein Ausbildungssystem, das vom Boden aus beginnt. Mit Knotenhalfter (durch die relativ dünne Schnur ist eine deutlichere/schärfere Einwirkung möglich), verschiedenen Stricken bzw. Longen und einer Art Peitsche verschafft sich der Mensch Respekt. Das Vertrauen soll sich vor allem dadurch einstellen, dass sich der Mensch  nicht wie ein Jäger benimmt, sondern eher wie ein ranghöheres Pferd. Ein Stufenplan von Fertigkeiten bezieht sich  nicht auf das Pferd, sondern auf das Können des Menschen.

Und last but not least kam Monty Roberts mit seinem "Join Up" über den grossen Teich. Er beginnt die Zwiesprache mit dem Pferd in einem beschränkten Raum, idealerweise in einem Longierzirkel. Mit Körpersignalen soll dem Pferd bedeutet werden, dass es weichen/flüchten soll, einzige Unterstützung ist eine Longe, die nach dem Pferd geworfen wird, um es weiter zu treiben. Die aggresiv-dominante Körperhaltung wir so lange beibehalten, bis das Tier seinerseits Zeichen gibt, dass es die Autorität des jeweiligen Menschen anerkennt (Respekt). Der Mensch wendet sich nun ab, meidet jeden Blickkontakt und "lädt das Pferd ein", näher zu kommen. Im Idealfall macht das Pferd ein paar Schritte Richtung Ausbilder und folgt ihm anschließend ohne Führstrick (Vertrauen). Mittlerweile gibt es auch von Monty Roberts ein spezielles Halfter für besondere Fälle, das mehr Druck auf das (widerstrebende) Pferd ausübt.

Die Liste der Pferdeflüsterer ließe sich noch fast beliebig verlängern und jede/r  andere hätte wahrscheinlich einen neuen, interessanten Aspekt in ihrer/seiner Methode. Die Quintessenz aller Methoden bliebe aber wahrscheinlich trotzdem gleich:

    * Basis jeder Beziehung - in diesem Fall Mensch+Pferd - ist (gegenseitiger) Respekt. Um die Dinge von einem Pferd verlangen zu können, weshalb man sich ein Pferd überhaupt hält (v. a. Reiten) ist es notwendig, dass der Mensch die ranghöhere Position einnimmt und auch hält. Alle Methoden schaffen (und überprüfen) diesen Respekt vom Boden aus, indem sie vom Pferd verlangen, sich in eine bestimmte Richtung zu bewegen. Zur Verdeutlichung bzw. zur Durchsetzung wird in irgendeiner Form Druck auf den Pferdekopf ausgeübt (Führkette, Knotenhalfter, Dually-Halfter,...).

    * Wenn das Pferd Vertrauen hat, dann kann es keine Angst vor dem Menschen haben. Daher ist Vertrauen quasi der Beweis für echten Respekt (ohne Angst). Respektlosigkeit in jeder Form beweist, dass sich das Pferd als ranghöher einstuft oder zumindest die Rangfolge in Frage stellt. Es muß deshalb nicht dem Menschen mißtrauen, ein Vertrauen im Sinne von sicherer Folgsamkeit auch in kritischen Situationen ist aber so sicher nicht gegeben.

    * Der Mensch hat die Verantwortung für die Gestaltung der Mensch-Pferd-Beziehung! Er muß sich daher um deren Verbesserung bemühen und vor allem an sich selbst arbeiten!

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