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WKAJA - EINE BESONDERE PFERDESCHÜLERIN

Im Jänner 2006 erreichte mich ein email einer verzweifelten Pferdebesitzerin. Sie hatte vor ca. 9 Monaten in Ungarn eine 4jährige  Shagya-Araber-Stute gekauft, die auch noch im Heimatgestüt angeritten wurde. Während der Ausbildungszeit waren nicht viele Besuche möglich gewesen, es fiel nur auf, dass die Stute beim ersten Proberitt noch sehr unsicher unter dem Reiter war. Beim Verladen, um das Pferd endlich nach Hause mitzunehmen, passierte dann der erste dramatische Unfall: Nach stundenlangem Kampf, um Kaja in den Hänger zu bugsieren stieg die Stute schließlich und überschlug sich. Nach einer Beruhigungspause gelang dann das Verladen endlich.

Zu Hause jedoch begannen die Probleme erst richtig. Das Pferd warf sich beim Anhängen am Putzplatz in den Strick bis er abriss, duldete keinen Longiergurt und warf sich bei jeder Gelegenheit nach hinten, bis sie am Rücken lag. Beim Satteln überschlug sie sich sogar einmal über einen Zaun. Die Besitzerin versuchte mit Geduld ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, ging zu Fuß mit Kaja ins Gelände spazieren. Doch auch das wurde immer schwieriger, nachdem die Stute sich offenbar überlegen und dadurch "verantwortlich" fühlte und bei Unsicherheit und Schrecksituationen das Kommando übernehmen wollte, zu steigen begann etc. Es wurde ein Bereiter engagiert, der Kaja zu Hause reiten sollte. Das funktionierte auch anfangs gut, bis sich das Pferd beim 5. Mal mit dem Reiter nach hinten fallen ließ und dies beim nächsten Mal wiederholte.

Als ich diese Geschichte las, riet ich der Besitzerin dringend, eine genaue tierärztliche Untersuchung durchführen zu lassen, da die Überschläge körperliche Probleme und Schmerzen geradezu erwarten ließen. Erstaunlicherweise stellten weder der Tierzarzt noch eine Osteopathin gravierende Probleme fest, sie meinten, das Verhalten sei rein psychisch bedingt und wäre durch Verhaltenstherapie zu ändern.


Die Zeit in der Pferdeschule ist - wie bei jedem Pferdeschüler - durch das Ausbildungsprotokoll festgehalten:

AUSBILDUNGSPROTOKOLL  „Kaja“
18. Feb. – 15. Juni 2006

Vorgeschichte:

Kaja wurde im Vorjahr in Ungarn gekauft, beim Züchter „angeritten“ und anschließend nach Hause geholt. Bei Besuchen in Ungarn und ersten Proberitten hatte die Besitzerin, Frau Hraby, den Eindruck, dass Kaja sehr unsicher unter dem Reiter wäre. Am Tag der Abholung passierte dann, nach 4stündigen Verladeversuchen, ein Unglück: Kaja stieg, kippte um und verkeilte sich mit den Füßen unter einem Fahrzeug. Nachdem äußerlich keine Verletzungen festzustellen waren, wurde sie später erfolgreich verladen und ohne weitere Zwischenfälle nach Österreich transportiert.

Daheim jedoch gingen die Probleme erst los: Kaja machte es sich zur Gewohnheit, sich in unangenehmen Situationen nach hinten zu werfen, dabei riss sie regelmäßig Halfter und Stricke kaputt und überschlug sich mehrmals. Im Besonderen zeigte sie dieses Verhalten im Zusammenhang mit dem Angurten von Longier- oder Sattelgurt. Beim Reiten war sie anfangs brav, ein hinzugezogener Bereiter kam relativ gut zurecht (Kaja ging nur ungern vorwärts, klemmte hinten), bis sich Kaja nach dem Aufsitzen plötzlich auch mit Reiter nach hinten überschlug. Zusätzlich machte sie beim Spazieren gehen an der Hand „Mätzchen“, stieg und gebärdete sich ungehorsam bis gefährlich.

Als sich Frau Hraby an mich wandte, empfahl ich dringend eine gründliche tierärztliche/osteopathische Untersuchung der Stute wegen der geschilderten Vorfälle. Tierarzt und Osteopathin fanden jedoch beide keine gravierenden körperlichen Probleme und meinten daher, es handle sich lediglich um ein Verhaltensproblem, das mit erzieherischen Maßnahmen zu verbessern sei.

Erster Eindruck:

Kaja (5-jährige Stute, Shagya-Araber, Schimmel, ca. 152 cm Stm.) ist ein ansprechendes, schönes Pferd, das sehr freundlich und menschenbezogen ist. Alters- und rassetypisch ist sie anfangs etwas nervös, passt aber trotzdem auf den Menschen auf und reagiert auf Signale beim Führen. Von ihren Verhaltensproblemen ist in den ersten Tagen nichts zu merken.

Ausbildungsverlauf:

Nachdem die Bodenarbeit mit Knotenhalfter und Seil gut funktioniert, lege ich nach einigen Tagen den Sattel auf, um damit spazieren zu gehen. Bald nach dem Angurten jedoch, als ich einen Tritt rückwärts fordere, lehnt sich Kaja mit steifen Vorderbeinen zurück, knickt hinten ein und kommt mit dem Rücken gegen die Wand zu liegen. Ich muss den Sattel neu auflegen, da er nach vorne gerutscht ist,  dann gehen wir spazieren, als wäre nichts gewesen. Diese Szenen wiederholen sich in den folgenden Tagen fast regelmäßig, sobald Druck nach vorne oder hinten auf die Trense kommt. Statt des Sattels verwende ich einen Longiergurt, um den Sattel zu schonen. An der Hand macht Kaja brav mit, also beginne ich mit der Arbeit an der Longe. Auch beim ersten, noch großzügigen Verschnallen des Ausbinders (Longierprofi), wirft sich Kaja nach hinten, durch energisches Vorwärtstreiben ist dieser Protest aber schnell überwunden und Kaja akzeptiert den Ausbinder, der ohnehin sehr viel Halsfreiheit lässt.

Nach der ersten „Überschlag-Phase“ von knapp einer Woche ist nun vorerst wieder Frieden eingekehrt und alles läuft nach Plan. Beim Longieren ist Kaja anfangs manchmal hektisch, vor allem der Galopp ist kratzig und „Araber-typisch“, oft springt sie in den Kreuzgalopp. Ablenken lässt sie sich am liebsten von Fußgängern, die in der Nähe des Reitplatzes vorbei gehen. Fahrzeuge beeindrucken sie kaum. Nach und nach wird sie jedoch gelassener, ruhiger und besser im Gleichgewicht und springt auch einen schönen, runden Galopp. Traben über Bodenstangen verbessert den Takt, leider verhaspelt sie sich dabei einmal und muss wegen einer beleidigten Sehne ein paar Tage Ruhe geben.

Nachdem die „Überschläge“ nun schon länger her sind, denke ich langsam an das erste Aufsitzen. Um zu testen, ob sie tatsächlich aufgegeben hat, sich nach hinten zu werfen teste ich, was sie mit nachgegurtetem Sattel macht und – leider – sie schmeißt sich wieder hin, bleibt jedoch auf der Hinterhand „sitzen“, da der Gummistrick ein Überschlagen verhindert.

Daraufhin untersuche ich Sattel- und Gurtlage selbst genauer und finde in der Gurtlage rechts einen auffällig hervortretenden, verspannten Muskel und relativ verspannte Rückenmuskeln mit einer besonders empfindlichen Stelle. Ich massiere sie nun vor jedem Satteln mit dem Massageroller an den „Problemzonen“ und nach einiger Zeit ist tatsächlich eine deutliche Entspannung zu sehen. Also wage ich mich, nach dem Ablongieren, eines Tages in den Sattel (Aufsitzen von erhöhter Aufstieghilfe), und Kaja bleibt brav. Fortan wechsle ich zwischen „Entspannungslongieren“ ohne Sattel, Gurt oder Ausbinder und Reiten mit vorherigem Ablongieren. Auffällig ist aus der Position des Reiters der extrem schmale Körperbau der Stute, man „hat fast nichts zwischen den Beinen“. Aus Sicht des Pferdes bedeutet das schwierigeres Finden des Gleichgewichts, was sich anfangs auch in Unsicherheit widerspiegelt.

Bezüglich des Sattelgurtes bin ich dazu übergegangen, extrem langsam nachzugurten, um keine Überschläge zu provozieren. D. h. angurten so, dass fast gar kein Druck entsteht, am Weg zum Reitplatz alle paar Meter nachgurten, bis der Sattel hält, am Reitplatz dann auch auf der rechten Seite nachgurten.

Als sich Kaja im Schritt und Trab gut reiten lässt und auch keine Unsicherheit mehr zeigt, versuche ich den ersten Galopp. Wie selbstverständlich springt sie an und wir galoppieren gelassen ein Stückchen. Auf der linken Hand springt sie zuerst falsch an, lässt sich aber gleich korrigieren. Auffällig ist, dass Kaja nach dem Reiten wesentlich weichere Rückenmuskeln hat als vorher.

Die Osteopathin, die nun zur Sicherheit hinzugezogen wurde, stellt leider das fest, was nach den zahlreichen Überschlägen des letzten Jahres nur leider allzu wahrscheinlich war: Läsion im Beckenbereich, verschobene Lendenwirbeln sowie Probleme im Schulter-Brust-Bereich. Ich soll auf das Reiten lieber verzichten, massiere dafür die großen Brandzeichen-Narben in der Sattellage mit A.P.M.-Creme ein und mache Schweif-Arbeit nach TTEAM. Der oft stark angeklemmte Schweif wird zusehends lockerer, was sich auch in der Bewegung an der Longe widerspiegelt. Bei der Sattelanprobe an der Longe zeigt sich, dass sie sich auf Druck durch Sattel/Gurt nach wie vor mehr spannt und den Rücken anfangs krampfhaft nach oben drückt.

Die Osteopathin kommt ein zweites Mal und empfiehlt, vorerst auf das Reiten zu verzichten und noch mehrere Behandlungen abzuwarten, bis Kajas Rücken wieder belastet wird.

Zusammenfassung und weitere Empfehlungen:

Kaja ist ein sympathisches, kooperatives Pferd mit sehr schönem Gebäude und tollen Grundgangarten. Durch ein oder mehrere Erlebnisse mit Überschlägen ist sie womöglich auf die Idee gekommen, dass man sich auf diese Art allen Anforderungen entziehen kann. Ein Ziel war daher, durch Erziehungsarbeit ihr diese „Option“ abzugewöhnen, nicht zuletzt, weil sie sich selbst dadurch jedes Mal in Gefahr bringt. Der letzte Versuch, sich zurück zu werfen passierte ca. Ende des zweiten Ausbildungsmonats (von 4). Trotzdem behaupte ich nicht, dass die Stute nun endgültig davon „kuriert“ ist, es heißt wachsam bleiben. Deshalb sollte sie immer so angebunden sein, dass der kurze Anbindestrick relativ leicht reißt, jedoch ein zweiter, längerer (oder Gummi-) Strick verhindert, dass sie ganz los kommt. In kritischen Situationen (z. B. Abspritzen mit dem Schlauch, angurten nach längerer Pause etc.) sollte man auch von vornherein eine lange Gerte in der Hand haben, mit der man sie notfalls nach vorne treiben kann (antippen an Kruppe oder Hinterbein), falls sie Anstalten macht, sich fallen zu lassen. Gleichzeitig mit einem forschen „Nein“ ansprechen.

Wenn die Osteopathin das Reiten wieder „erlaubt“ ist darauf zu achten, dass der Sattelgurt immer langsam festgemacht wird und das Aufsitzen aus erhöhter Position bzw. mit Gegenhalten auf der anderen Seite erfolgt. Ansonsten erwarte ich keine gröberen Probleme, bei Widerstand immer VORWÄRTS fordern, daher stets eine Gerte mitführen! 

Oberstes Ziel sollte sein, keinen weiteren Überschlag zu erleben!

Wir wünschen viel Freude mit Kaja und freuen uns schon auf ein Wiedersehen im Frühjahr 2007

Elisabeth Kahlert & Team

[Ende des Ausbildungsprotokolls]

Am 19. August  2006 erreichte mich dann dieses email:

Liebe Frau Kahlert,

jetzt sind 2 Monate vergangen und es gibt viel zu berichten:

Das Wichtigste: Kaja ist das tollste und bravste Pferd, dass man sich
nur wünschen kann. Ich gehe mit ihr (in der Gruppe und allein)
ausreiten, reite 3 Mal in der Woche mit ihr Dressur und auch die
Bodenarbeit macht ihr viel Spaß. Sie geht so super und toll, dass ich
sage, ich möchte gar kein anderes Pferd!!! Sie ist mit ihren 5 Jahren
wesentlich braver als die anderen Pferde im Stall.

Beim Satteln steht sie braver als die beiden anderen Shagya! Sie bekommt
zwar immer, gleichzeitig mit dem Gurt, einen halben Apfel, und ich gurte
am Putzplatz nur auf das erste Loch, aber damit kann ich gut leben. Dann
wird sie vor dem Reiten immer ca. 20 min. longiert. Erst wenn sie gelöst
geht, steige ich dann mit Aufstiegshilfe auf.

Sie hat 1-2 Stehtage in der Woche und genießt ihr Leben in vollen Zügen.
Sie kommt, wenn sie auf der Weide steht, jedes Mal wenn ich sie rufe -
für mich auch ein Zeichen, dass ihr das Training Spaß macht.

Für mich gibt es zwar nach wie vor immer noch einen kritischen Moment -
der des Aufsitzens, aber es wird schon immer besser! Ich bestehe nicht
darauf, dass sie nach dem Aufsitzen stehen bleibt, aber wenn sie es
macht, lobe ich sie umso mehr.

Mittlerweile habe ich mich auch dazu entschlossen, dass ich der Ved.
Med. keinen weiteren Besuch abstatte, denn für mich hat sich die
Diagnose "Ataxie" nach 2 Monaten Training nicht bestätigt!!!

Ich möchte Ihnen und Ihrem Mann noch einmal aus ganzem Herzen
danken!!!!!! Sie beide haben wirklich ganze Arbeit geleistet!!!!!! Und
diese Meinung haben alle, die Kaja vorher und nachher gesehen haben,
bestätigt!!! Wenn ich jetzt ein Jahr zurück denke, würde ich Kaja wieder
kaufen, allerdings nicht in Ungarn "anreiten" lassen, sondern gleich zu
Ihnen bringen!
Seit ca. 1 Monat nehme ich auch einmal in der Woche eine Reitstunde (ca.
30 min.) wieder bei dem Reitlehrer, der Kaja damals versucht hat zu
bereiten. Auch er ist total begeistert. Letzte Woche sind wir das erste
Mal über Trabstangen geritten und sogar das hat sie vom ersten Moment
super gemacht.

Sicher werden wir den einen anderen oder anderen Rückschritt hinnehmen
müssen, aber ich weiß ja, wenn es Probleme gibt, an wen ich mich wenden
kann :-)

Noch einmal vielen, vielen Dank!!!!!!!

Herzliche Grüße
Jessica Hraby

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